Ich entschuldige meine übertriebene Pause. Ich wollte einfach mal für eine Weile abschalten.
Da die Mehrheit für Tobi gestimmt hat, setze ich nun unsere Geschichte fort. Mein Lieblingsonkel muss noch warten.
Vielleicht habt ihr schon bemerkt, dass ich ab und zu zwischen Präteritum und Präsens wechsle. Das mache ich beabsichtigt, weil es in dem Moment beim Schreiben hilft und damit es auch für den Leser einfacher ist, sich in diese Lage zu versetzen.
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Natürlich konnte ich die Nacht vor Aufregung und Nervosität nicht gesund durchschlafen. Ich machte mir Gedanken über ihn, über "uns". Ob ich ihn tatsächlich mag und umgekehrt. Und darüber, wo und wann wir uns treffen. Diese grundsätzliche Information hatte mir der Mistkerl verschwiegen. Entweder er hat es selbst vergessen oder er ist ein großer Fan der Spontanität. Oder er ist einfach nur ein Arsch.
Am folgenden Tag (ich denke, es war ein Samstag) verhielt ich mich so, wie an jedem gewöhnlichen Morgen. Theoretisch war er das auch. Theoretisch. Ich wartete bis zum späten Nachmittag. Da begann ich allmählich an meinem Hörvermögen bzw. Verstand zu zweifeln. Ich lag auf meinem Bett, hörte mit unangenehmen Kopfhörern Musik und kritzelte mit meinem Kugelschreiber wie üblich etwas unverständlich Abstraktes in mein Notizblock, als mich das Vibrieren meines Handys auf einen eingehenden Anruf aufmerksam machte. Ich nahm einen Hörer ab, registrierte ein nervtötendes Hupen von unten und ging ran.
"Entweder du bist tot oder einfach nur taub. Aber da du dich anscheinend lebendig genug fühlst, einem unbekannten Anrufer entgegenzukommen, tippe ich auf Letzteres."
"Äh.."
"Sag jetzt bitte nicht, du hättest mich wieder nicht erkannt. Das würde meinem Ego nicht gut tun."
"Hi, Tobi."
"Aha, doch nicht taub. Also? Ich warte."
"Worauf?"
"Auf eine Erklärung. Oder eine billige Ausrede. Bestenfalls eine Entschuldigung."
"Warte einen Augenblick, ich versteh' dich nicht. So ein asoziales Schwein hupt ununterbrochen. Kannst du bitte lauter reden?" Er lacht.
"Was amüsiert dich so?", frage ich verwirrt.
"Kannst du einfach 'runterkommen, damit ich endlich mit dem Scheißhupen aufhören kann?" Legt auf.
Ich ziehe mich hektisch um, trage etwas Wimperntusche auf, ziehe meinen typischen Lidstrich und lege mir knallroten Lippenstift auf. Weil ich meine Haare in dem Moment nicht bändigen konnte, machte ich mir einen schlampigen Dutt. Mein Outfit war nichts besonderes: Schwarze Röhrenjeans, schwarzes Basictop und ein offenes, rot-grün-blau kariertes Holzfällerhemd.
Im Auto.
"Wo geht's denn hin?"
"Wird 'ne Überraschung."
"Ich hoffe doch, eine gute."
"Das, meine Liebe, liegt im Auge des Betrachters." Grinst schief.
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"Wo geht's denn hin?"
"Wird 'ne Überraschung."
"Ich hoffe doch, eine gute."
"Das, meine Liebe, liegt im Auge des Betrachters." Grinst schief.
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"Ok, das reicht. Sagst du mir endlich, wo wir hinfahren? Wir sind seit einer halben Stunde unterwegs! Ich muss ja sichergehen, dass du keine Gefahr für mich bist."
"Ach, Emily, wenn du wüsstest. Glaubst du denn, dass ich eine Gefahr für dich bin?
"Wenn ich das glauben würde, wäre ich doch nicht hier."
Lächelt. "Wir sind gleich da. Fünf Minuten."
Endlich bleibt er stehen. Soweit ich das beurteilen kann, sind wir in einem Wald. Oder in einem wald-ähnlichen Viertel. Jedenfalls sind viele Bäume und anderes Grünzeug zu sehen. Er schaltet den Gang runter, macht den Motor aus, steigt ab, umrundet das Auto, oder besser gesagt, die Motorhaube, und hält mir wie ein Gentleman, der er auch ist, die Autotür auf. Erst beim Aussteigen nehme ich seine heutige Garderobe wahr. Typisch Skater: T-Shirt, Dreiviertelhose und Chucks.
"Wo sind wir hier?"
"Ist eines meiner Lieblingsorte. Ein schönes, ruhiges Plätzchen. Komm mal mit."
Zeigt mit einer knappen Kopfbewegung, in welche Richtung es geht.
"Ist eines meiner Lieblingsorte. Ein schönes, ruhiges Plätzchen. Komm mal mit."
Zeigt mit einer knappen Kopfbewegung, in welche Richtung es geht.
Zehn Minuten lang sind wir in dem Wald immer tiefer hineinspaziert, bis wir schließlich an dem gewünschten Ort ankamen. Er blieb mit dem Rücken vor mir stehen und fragte mich stolz, ohne mich dabei anzuschauen, "Und? Was hälst du davon? Ist es nicht traumhaft hier?". Es war traumhaft. Und wie traumhaft es war. Ein Ausblick, wie in einem Märchenbuch. Dieses durch Unmengen von Nadel- und Laubbäumen isolierte Örtchen lag an einem grünen See, der wegen den Sonnenstrahlen so schön - und romantisch - in allen Richtungen schimmerte. Das Vogelzwitschern trug auch einiges dazu bei, mich in eine romantische Stimmung zu versetzen. Hier war es natürlich, still, isoliert und wunderschön - einfach perfekt für eine Einsiedlerin, wie mich. Nur war ich nicht alleine. Dieser Gedanke hat mich unbewusst leicht verstört.
Er führte mich zu einem abgefallenen Baum, der anscheinend nicht weggetragen wurde. Der diente jetzt lediglich unseren Ärschen. Wir saßen stundenlang da, redeten und tranken Apfelschorle, umgeben von Mutter Natur. Als wären wir einmal die besten Freunde gewesen, die sich für Jahre aus den Augen verloren haben und nun wieder vereint sind. Oder als hätten wir in einem früheren Leben jahrelang Seite an Seite im Zweiten Weltkrieg, in Polen stationiert, als deutsche und durch die gemeinsamen Albträume verbrüderte Soldaten eines damaligen Nazi-Führers gekämpft. Wir standen uns in kürzester Zeit so nahe, dass er langsam mit Steffi konkurrierte.
Für die ganz Neugierigen.. Nein, es ist nichts passiert. Nichtmal ein kleines Gefummel. Er hat mich brav spät abends nachhause gefahren. Meine Mutter hat sich wegen der Uhrzeit zwar aufgeregt, oder vielleicht auch nur deswegen, weil ich beim Eintreten gestolpert und das Schuhregal beim Hinfallen mitgenommen habe, aber es war mir in dem Moment einfach egal. Denn ich war verknallt. Bis über beide Ohren.
-EΩ
-EΩ
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